War es richtig?


Ich schreibe diesen Text für alle Menschen, die ihren geliebten Hund einschläfern lassen müssen oder es gerade getan haben. Mir soll das Schreiben helfen, meine Gedanken zu sortieren, die total durcheinander schwirren. Ich werde den Text nicht mehr durchlesen und auf Grammatik etc. überprüfen und auch nicht mehr am Satzbau „feilen“.
Vielleicht hilft er dem einen oder anderen Hundebesitzer, eine Entscheidung zu fällen oder besser mit dieser Entscheidung klar zu kommen, vielleicht werden mich auch manche Menschen verurteilen, weil sie eine andere Einstellung haben - egal.

Seit gestern, 30ter Juni 2012 ist mein Zippelchen tot.
„Eingeschläfert“ auf meinen Wunsch hin.
Es war richtig. Ich weiß es. Ich habe ihr Schmerzen und Qual erspart, die Angst und Panik aus ihren Augen genommen. Weshalb sitze ich nun hier, finde keine Ruhe und frage mich, ob ich nicht doch noch hätte warten sollen. Vielleicht wäre es ihr morgen wieder besser gegangen und sie hätte noch ein paar wunderschöne Stunden, Tage oder sogar Wochen erleben können.
Mein Herz kämpft mit meinem Verstand und das Herz ist total am Gewinnen – hätte ich doch noch gewartet…

Meine Gedanken:
Durch meinen Beruf werde ich öfters mit der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des „Gehenlassen“ konfrontiert.
Erst vor ca. 2 Wochen kamen ehemalige Kunden, die inzwischen geliebte Freunde in meinem Leben geworden sind, zu mir. Ihr Hund war 13 Jahre alt, hatte die „normalen“ Altersbeschwerden, konnte jedoch, dank täglicher Gabe von Schmerzmitteln, das Leben mit seinen Menschen immer noch genießen.
Meine Freunde hatten bemerkt, dass ihr Hund in den letzten Tagen „anders“ geworden war. Wer seinen Hund liebt, der weiß, was ich damit meine: Ich kann nicht sagen „ich sehe, dass er Schmerzen hat“ – nein, er ist einfach „anders“. Deshalb gingen sie zu ihrem Tierarzt. Dieser stellte fest, dass die Leberwerte des Hundes „dramatisch hoch“ waren. Eine Ursache dafür konnte er jedoch nicht finden. Als Gegenmaßnahme sollten meine Freunde dem Hund keine Schmerzmittel mehr geben, weil diese die Leber angreifen. Diese Empfehlung war der Grund dafür, dass sie zu mir kamen und meine Meinung hören wollten.

Vor zwei Wochen war mein Zippelchen eine alte, schrullige Dame, mindestens 14 Jahre alt, Spondylose, Hüftprobleme, halt diverse „normale“ Altersbeschwerden, die täglich zunahmen. Dazu bekam sie immer mehr Geschwülste, die in letzter Zeit rasend schnell wuchsen, aber nicht berührungsempfindlich waren. Manchmal musste ich ihr helfen, aufzustehen, weil sie es alleine nicht mehr schaffte, manchmal musste ich ihr die Treppen hinunter oder hoch helfen, weil die alten Beine nicht mehr mitmachen wollten. Ich muss gestehen: Dass sie inzwischen fast taub war, fand ich sogar ganz gut, denn meine Maus hatte entsetzliche Angst bei Gewitter und hatte die letzen Gewitter verschlafen… und wenn ich sah, dass sie im Wald ein Loch buddelte, um Mäuse zu fangen und wusste, dass sie wegen dieser Anstrengung abends nicht mehr laufen können werde, war mir das egal, denn in diesem Moment war sie absolut glücklich… und wenn sie auf „Leckerchenjagd“ war und sich von mir nicht dabei stören ließ, meinen Kunden die Futterbeutel leer zu räubern oder ihnen Tüten mit Leckerlis aus den Jacken zu stehlen, freute ich mich, wie fit das Hexenweib immer noch war… und wenn ich sie rief, sie mich anschaute und dann nicht kam, fand ich das absolut ok, denn sie hatte sich vor längerer Zeit in den Ruhestand begeben und musste nicht mehr arbeiten. Jeder, der mein Zippelchen kennt, weiß, wie sie in letzter Zeit „drauf war“ und hat sich mit mir zusammen gefreut, wenn sie „liebenswert nicht gehorchte“ oder mich „anmotzte“ wenn ich, unverschämterweise, mit ihr eine Übung vormachen wollte.

Zippel bekam seit Monaten täglich Schmerzmittel. Tabletten, die 24 Stunden schmerzfrei machen sollten. Wir waren inzwischen soweit, dass ich ihr morgens und abends eine Tablette gab, denn ich sah, dass sie trotzdem abends Schmerzen hatte. Meine Tierärztin, Frau Dr. Rawer in Bildstock, der ich für ihre „menschliche“ Einstellung unendlich dankbar bin und die ich mit gutem Gewissen empfehlen kann, stimmte mir zu – das Wichtigste für einen alten Hund ist das Kriterium „keine Schmerzen“. Jeden Moment des Lebens genießen können - das einzige, was für Hunde wichtig ist, ermöglichen.

Genau das sagte ich meinen Freunden vor zwei Wochen. Ich sagte „wenn es mein Hund wäre, dann würde ich nicht zulassen, dass er Schmerzen hat. Vielleicht könnten sie ihrem Hund ein paar Wochen Lebenszeit verschaffen, wenn sie seine Schmerztabletten absetzen würden. Aber was ist ein Leben unter Dauerschmerzen? Einem Menschen kann ich vielleicht erklären, dass er Schmerzen aushalten muss. Wie sag’ ich das meinem Hund? Der Hund leidet, schaut mich mit traurigen Augen an, vermeidet jede Bewegung, die ihm noch mehr Schmerzen bereitet. Er hat keine Lebensqualität mehr. Bei einem jungen Hund, der nur vorübergehend Schmerzen erdulden müsste und der anschließend wieder gesund und munter sein Leben genießen kann – ja – aber bei einem alten Hund, dessen Gesundheitsbild sich mit Sicherheit nicht mehr groß verändern würde – nein!
Letzte Woche riefen meine Freunde an. Ihr Hund hatte trotz Schmerzmittel eindeutig immer noch Schmerzen, lief nachts „getrieben“ hin und her, trottete beim Spaziergang teilnahmslos neben seinen Menschen her. Er hatte keine Lebensqualität mehr. Meine Freunde erlösten ihn und ich freute mich für ihren Hund, dass seine Menschen so menschlich waren. Liebe ist „gehen lassen“, wenn der Hund keine Lebensqualität mehr hat. Jeden Tag, den ich den Hund leiden lasse, ist purer Egoismus, weil ICH sonst alleine zurückbleibe, ohne meinen Hund. Nein, das ist keine Tierliebe.

Gegen Ende der letzten Woche verschlechterte sich Zippels Zustand ganz schnell. Sie wollte nicht mehr aufstehen, quälte sich nur nach gutem Zureden in den Garten, um ihr Geschäft zu erledigen und auch dabei hatte sie starke Schmerzen. Sie konnte keine Häufchen mehr machen, denn das Einknicken der Beine tat ihr so weh, dass sie direkt wieder hoch ging, ein paar Meter lief, sich wieder „hinsetze“ und erneut aufstand.
Ich gab ihr nun auch noch mittags eine weitere „24 Stunden Schmerztablette“ aber trotzdem wollte sie sich gar nicht mehr bewegen. Am Samstag wurde sie unruhig, lief ständig hin und her, hechelte dabei und hatte Panik in den Augen. Ich kanns nicht anders erklären – sie hatte einfach nur Panik, weil sie ihren Schmerzen nicht entfliehen konnte. Ihr Blick – ich werde ihn nie mehr vergessen.

Nach dem Gespräch mit meinen Freunden und auch mit vielen Kunden, im Laufe der letzen Jahre, müsste meine Entscheidung ganz einfach gewesen sein – ich liebe Zippel und lasse sie deshalb gehen. Es hätte mir gut gehen müssen dabei. Ein letzter Beweis meiner Liebe zu ihr. Es war aber nicht leicht. Der eigene Hund ist immer anders.
Ich habe die Entscheidung trotzdem getroffen. Um 11 Uhr wäre Frau Dr. Rawer zu mir nach Hause gekommen und hätte Zippel erlöst. Um 9 Uhr hat mich eine Bekannte in die Praxis gefahren – ich wollte Zippel nicht noch zwei Stunden Qual antun.

Zippelchen wurde erlöst und ich bin nach Hause gegangen. Jetzt sitze ich hier herum und grübele, ob alles, was ich die letzten Jahre gedacht und vermittelt habe, vielleicht doch nicht richtig war. Vielleicht wäre sie heute morgen aufgestanden und hätte mir mein Frühstück geklaut. Ich „weiß“, dass es nicht so gewesen wäre aber ich kann es nicht „wissen“.

Ich habe großen Hausputz gemacht, alle Hundehaare weggesaugt, alle Sachen von Zippelchen an eine Tierschutzorganisation gegeben, mich müde gearbeitet, um nicht zu grübeln, aber ich grübele trotzdem. Ich schreibe, um nicht im Kreis herum zu denken…
Mein Verstand sagt mir, dass ich jetzt genau das Gleiche durchmache, wie jeder andere Hundebesitzer, der seinen Hund hat einschläfern lassen müssen, aber es war nicht ein anderer Hund, sondern „mein Zippelchen“.

Vor vielen Jahren wurde ich bei einem Interview gefragt, was Zippel für mich bedeutet. Ich habe, ohne zu überlegen „aus dem Bauch heraus“ geantwortet: „Ohne Zippel bin ich nur halb“ und anschließend gedacht, dass ich das auch „professioneller“ hätte beantworten können. Gestern musste ich wieder daran denken. Es war die einzige richtige Antwort, denn jetzt, ohne Zippel fühle ich mich „nur halb“. Egoismus. Selbstmitleid. Ich weiß…

Ich muss jetzt einfach abzuwarten, bis mein Verstand mein Herz besiegt. Es war richtig!
… und wenn Sie in die gleiche Situation kommen, dann zeigen Sie ihrem Hund zum letzten Mal, wie sehr sie ihn lieben, lassen ihn gehen, wenn seine Zeit gekommen ist und „fühlen sich gut dabei“.

Bitte schicken Sie mir keine Mails aufgrund dieses Textes, rufen Sie mich nicht an, sondern lassen mir die Zeit, die ich brauche, um mit meinem Leben ohne Zippelchen klar zu kommen.
Danke.